Wein, Angst und Rosen
 
  Donnerstag, 15. August. Es ist Mariä Himmelfahrt und Nacht, zwei Uhr morgens. Das Wasser läuft über die Straße. Langsam, aber stetig. Es ist still. Eine gespenstige, unwirkliche Stille. Kein Autogeräusch. Nicht einmal ein Hund bellt. In dem Moment begreift der Winzer. Seine Kellerei ist drei
Meter von der Straße entfernt.
 
  Thomas Herrlich fährt sofort los, organisiert Sandsäcke. Am Morgen gibt es keinen Strom, kein Telefon, kein Fernsehen. Das Wasser steigt jetzt schnell. Herrlich besorgt Plastikschaum, verklebt Türen und Fenster. Er fährt 200 Kilometer, um ein Notstrom-Aggregat zu leihen. Er wirft seine Weinpumpe an, die soll die Elbbrühe absaugen. Am Donnerstagabend fließt die Elbe einen halben Meter über der Straße. Das Wasser drückt gegen die Türen. Kommt durch die Ritzen. Die Pumpe läuft langsam, aber sie läuft.  
 
Am 16. August, Freitag, paddelt Steffen Schabehorn an seinem Rosenstrauch vorbei. Das Schlauchboot ist grün, sein T-Shirt blau. Im Hof steht das Wasser einen Meter hoch. Die Sandsäcke, die er an das grüne Hoftor geschichtet hat, sind überflutet. Weinfässer schwimmen im Hof, Traktoren, Weinpressen stehen unter Wasser. Das Giftwasser ist in seinen Weinkeller gelaufen. Es dringt überall hin. Als Steffen Schabehorn am Hoftor steht, reicht ihm das Wasser bis zum Hals. Er hat zu lange gewartet. Als er begreift, was auf ihn zukommt, ist es zu spät. Sie dachten, sie hätten die Natur im Griff. Aber jetzt hat niemand mehr irgendetwas im Griff. Die einzige Ausfahrt geht zu Straße, die ist ein reißender Fluss. Die Schabehorns sind eingesperrt, das Wasser steigt.

Eine Woche später ist der Hof wieder ein Idyll. Die Rosen blühen, aber ihre Blätter sind grau. Hinter dem Rosenstrauch liegt die Wohnung der Schabehorns. Es gibt keine Wohnung mehr. Das Wasser stand bis zur Decke, vier Tage lang. Es riecht nach Fäulnis. Die Wände sind nackt und nass. Nur an einer Wand hängt noch eine Figur aus Holz. Ein Bacchus. "Den haben wir nicht mehr retten können", sagt Birka Schabehorn. Aber der Weingott hat die Flut gut überstanden. Im ganzen Haus liegen Schläuche, schlängeln sich in den Keller. Grünes Wasser steht dort einen halben Meter hoch. Die Pumpe läuft seit einer Woche, aber das Grundwasser drückt neues Wasser nach.

 
 
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