Wein, Angst und Rosen
 


30 Kilometer östlich, Schloss Pillnitz bei Dresden. Der Winzer Klaus Zimmerling hat seinen Weinkeller direkt im Schloss. Zwei Wochen nach der Flut ist das Elbwasser abgepumpt und jetzt kommt das Grundwasser. Klaus Zimmerling watet durch seinen Keller und schrubbt das Wasser in eine Schleuse. Aus der Wand fließt neues nach. Eben war die Hygiene da. Die Beamten sperren die Weinflaschen, die unter Wasser waren. Das kann Zimmerlings Existenz zerstören. Die Wut bricht aus Klaus Zimmerling heraus. "Ich lasse mir meinen Wein nicht wegnehmen", sagt er verzweifelt. Weinkorken halten dicht, sind resistent gegen Hochwasser. An der Mosel und im Rheingau ist das oft analytisch nachgewiesen worden. Aber die sächsischen Beamten wissen das nicht. Und nach zwei Wochen Kampf mit dem Wasser, liegen die Nerven blank bei Klaus Zimmerling. Erst das Wasser, jetzt die Beamten.

Am 17. August drückt das Wasser bei Thomas Herrlich 1,20 Meter hoch gegen seine Kellerei. Es ist Samstag. 5 900 Kubikmeter Wasser fließen pro Sekunde am Weingut "Vincenz Richter" vorbei. 3000 Kubikmeter ist das Höchste, was zuvor je gemessen wurde. Aber Messungen spielen keine Rolle mehr. Die Menschen sind auf sich gestellt. Sie spüren schnell, dass sie sich nicht mehr auf Experten und Behörden verlassen dürfen. Sie entdecken wieder ihre Instinkte, sie sind gezwungen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Sie helfen sich gegenseitig. Das Hochwasser verändert die Menschen. Thomas Herrlich hat seit 48 Stunden nicht mehr geschlafen. Er spürt keine Müdigkeit. Gegen 13 Uhr fällt der Pegel. Im Weingut Schabehorn steht das Wasser jetzt zwei Meter hoch am grünen Hoftor. Der Rosenstrauch ist unter Wasser. Hoffnung, als der Pegel sinkt. Und Angst vor dem, was das weichende Wasser zurück lässt.

Der Schlamm hat alles verändert. Der Schlamm lähmt die Menschen. Zunächst. Dann bringt er sie zusammen. Am Montagmorgen, 19. August, ist das Wasser im Weingut Schabehorn abgelaufen. Die Rosen sind von einer dicken Schlammschicht überzogen. Die Zerstörung ist jetzt sichtbar. Ein Chaos. Aber es geschehen Wunder. Fünfzig Leute kommen plötzlich spontan auf  
 
 

den Hof, um zu helfen. Viele kennen die Schabehorns nicht. Unbekannte Menschen schrubben und scheuern eine Woche lang. Auch Stahltanks, die noch mit Wein gefüllt sind und die Flut unbeschadet überstanden haben. 1800 Liter Wein werden im Chaos versehentlich abgelassen. Es ist der dritte Jahrgang, den Steffen Schabehorn in seinem neu gegründeten Weingut selbst ausgebaut hat. Ein entsetzlicher Verlust für den kleinen Familienbetrieb. Sie klagen nicht. Birka Schabehorn sagt etwas ganz anderes. Sie sagt: "Man glaubt nicht, das man so geholfen bekommt". Nie hätte sie das für möglich gehalten. Sie lächelt verlegen.

Zwei Wochen nach der Flut schneidet Birka Schabehorn die Rosen ab, stellt sie auf die Tische im Hof. Sie warten auf Gäste. Die sind ihre Hoffnung. Doch die Touristen kommen nicht mehr. Dafür sorgen die Fernsehbilder. Vor dem Hoftor der Schabehorns beginnt eine Mondlandschaft. Aber Grün drückt durch den Schlamm. Zartes Frühlingsgrün. Mit jedem Tag wirkt der Schlamm weniger leblos. Die Natur ist stark. Wie stark, das haben die Menschen hier erfahren. Sie werden vorsichtiger mit ihr umgehen müssen.

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