Wein, Angst und Rosen
 
Till David Ehrlich

Die Flut hat auch die sächsischen Winzer getroffen. Im nordöstlichsten Weinbaugebiet Deutschlands sind sie mit den Launen des Klimas vertraut. Trotzdem haben sie die Natur unterschätzt.


Es ist anders als im Fernsehen. Es ist schön hier, zwei Wochen nach der Flut. Rosen blühen. In der Sonne leuchten sie rosarot. "Ja", sagt Steffen Schabehorn,
 

 
  "es geht weiter". Die Stimme klingt fest. Ihn hat es am härtesten unter Sachsens Winzern getroffen. Er steht im Schatten seines grünen Hoftores. Drei Meter hoch, zweihundert Jahre, Holz. Der 39-Jährige schaut in den Hof seines Weingutes. Weiße Sonnenschirme, Holzbänke, Wein rankt am Spalier. Es duftet nach selbstgebackenem Zwiebelkuchen. Birka Schabehorn schenkt eigenen Wein aus. Ihre Kinder, Diana, Daniel, Katharina, spielen zwischen den Gästen. Wenn sie die Mutter nicht mehr sehen, unterbrechen sie sofort ihr Spiel. Sie haben erlebt, was Angst ist.  
 
Das grüne Holztor ist die einzige Ausfahrt. Links und rechts stehen Weinstöcke. Sorte Weißer Burgunder, etwa 300 an der Zahl. Vielleicht mehr, vielleicht weniger. Aber das ist jetzt egal. Die Trauben sind fast reif, doch niemand wird sie ernten. Sie sind mit dicker Kruste bedeckt. Getrockneter Schlamm. Der Schlamm ist silbergrau. Bevor man ihn sieht, riecht man ihn. Süß, fischig, modrig. Der Geruch verändert die Wahrnehmung. Der Geruch verändert die Menschen. Der Geruch kriecht in den Körper, wie Angst. Er bleibt dort. Auch nachts.

Das Weingut steht an der Uferstraße. Vier Kilometer sind es bis Meißen, elbabwärts. Hinter der Straße senkt sich die Böschung mehrere Meter, dann sind es noch mal 100 Meter bis zur Elbe. Es gibt keinen Deich. Zwei Wochen nach der Flut hat die Elbe Normalwasser, 300 Kubikmeter fließen pro Sekunde vorbei. Der Fluss wirkt träge. So, als wäre nichts gewesen. Aber dort, wo das Hochwasser war, ist alles leblos. Eine Mondlandschaft. "Noch nie ist das Wasser über die Straße gekommen", sagt Thomas Herrlich. Das war nicht vorstellbar. Und deshalb nahm auch er in den ersten Tagen die Flut nicht wirklich ernst. Sein Weingut "Vincenz Richter" ist nur wenige Minuten von Schabehorn entfernt. Aber es liegt höher.

 
 
 
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